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Blechbläser erobern brasilianische Herzen
Zwei Bläser des Buchenbühler Posaunenchores haben als Mitglieder des insgesamt 19- köpfigen “Franconian Brass Ensemble“ vom 23. Oktober bis zum
8. November sozusagen im Auftrag der Evangelischen Kirche den Süden Brasiliens bereist. Neben der Teilnahme an einer ganzen Reihe von Feierlichkeiten rund um die 180- Jahrfeier der deutschen Einwanderung in das
südamerikanische Land und insgesamt zwölf Konzerten hatten die Musiker aber auch ausreichend Zeit, außergewöhnliche Eindrücke von den in Europa weitgehend unbekannten brasilianischen Staaten Santa Catarina und
Parana zu gewinnen.
Höhepunkt der Reise war ein Besuch der weltberühmten Iguazu-Wasserfälle in der Nähe des Dreiländerecks Argentinien-Paraguay-Brasilien. Um den besten Panoramablick
auf das Naturschauspiel zu genießen, überschritten die Musiker sogar für einen Tag die argentinische Grenze. Vom Nachbarland aus lassen sich die Fälle mit einer Ausdehnung von 2,7 Kilometer und einer Höhe von
bis zu 82 Meter am besten beobachten. Zum Zeitpunkt der Reise stürzten nach Angaben des Reiseleiters rund 19 Millionen Liter Wasser pro Sekunde in die umtoste Schlucht.
Geprägt war die Brasilien-Tour der Musikgruppe jedoch von Kirchenfeiern aufgrund des Einwanderungsjubiläums in den größten Gemeinden der Synode „Vale do
Itajai“, in der auch die von deutschen Immigranten gegründete Stadt Blumenau liegt. Bei Ankunft bekamen die deutschen Musiker einen eigenen Bus mit Reiseführer gestellt und konnten so problemlos an ihre
Auftrittsorte gelangen. Sinn und Zweck der Tour, die aus Mitteln des Kultusministeriums Santa Catarinas teilfinanziert wurde, waren sowohl die musikalische Umrahmung der Feierlichkeiten durch einen geschulten
Posaunenchor als auch die Begegnung und der Austausch mit den Kindeskindern der deutschen Einwanderer. Diese waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter abenteuerlichen Umständen als todesmutige
Pioniere nach Südbrasilien gekommen und versuchen seitdem auch unter tropischen Bedingungen deutsche Kultur und Tradition als Bezugspunkt zur alten Heimat aufrecht zu erhalten. In Festschriften der Lutheraner
heißt es mit stolzem Unterton, das Itajai-Tal sei fast ausnahmslos von deutsch-evangelischen Einwanderern besiedelt worden. Die Pflege deutschen Brauchtums nimmt außerkirchlich jedoch teils bizarre Formen an. So
staunten die Musiker nicht schlecht, als sie in Blumenau Fachwerkhäuser entdeckten, durch eine Wurststraße bummelten oder Unternehmen wie „Auto Breitkopf“ entdeckten. Gerstensaft wird in Blumenau
angeblich noch nach deutschem Reinheitsgebot gebraut und trägt Namen wie „Eisenbahn-Bier“ oder „Opa-Bier“. In Riesenmengen ausgeschenkt wird es alljährlich natürlich beim Blumenauer
Oktoberfest. 35 Prozent der Einwohner der Synode gelten als deutschstämmig. Touristen aus Alemanha können so getrost auf Englisch verzichten, denn entlang des Flusses Itajai gilt: Man spricht deutsch.
Das „Franconian Brass Ensemble“ war eigens für die Tour durch Südbrasilien gegründet worden. Als Organisator fungierte Thomas Engelbrecht, Dirigent des
Posaunenchors der Gemeinde Schwaig bei Nürnberg. Ein ehemaliger Pfarrer dieser Ortschaft ist nun als Bürokrat für die Beziehungen der bayerischen Landeskirche nach Brasilien zuständig und forcierte nicht zuletzt
aus werbetaktischen Gründen für die in Santa Catarina auf harte Konfessions-Konkurrenz treffende und von Austritten gebeutelte Kirche die Idee, einen bayerischen Posaunenchor nach Santa Catarina zu schicken. Das
Ensemble wurde von Engelbrecht schließlich mit Amateur-Musikern aus fünf verschiedenen fränkischen Chören zusammen gestellt, da die Schwaiger alleine die erforderliche Anzahl an Bläsern nicht stellen konnten.
Die Mühe aber hat sich für Engelbrecht und sein rasch aus der Taufe gehobenes Ensemble gelohnt. Auf der harmonisch verlaufenden Rundreise über insgesamt 5500 Kilometer trafen die Franken auf äußerst
gastfreundliche Menschen, die oft sehr sentimental auf die Begegnung mit der deutschen Gruppe reagierten. Die Konzerte fanden großen Anklang und waren von bis zu 800 Zuhörern besucht. Vor allem Beethovens
„Freude schöner Götterfunke“ als fester Bestandteil des Programms löste regelmäßig Beifallsstürme aus, wie überhaupt deutsche Kompositionen sofort erkennbar das Publikum bewegten. Sogar im
Parlamentsgebäude der Hauptstadt Florianopolis hatten die fränkischen Bläser vor hochrangigen Gästen – darunter der Gouverneur persönlich – einen Auftritt. Gleich zwei Konzerte gab das Ensemble in
Joinville, der mit fast 480- tausend Einwohnern größten Stadt Santa Catarinas. Dort verbrachten die Musiker auch zwei Nächte bei brasilianischen Gastfamilien.
Reichlich Reiseeindrücke gewann die Reisegruppe tagsüber bei zahlreichen Ausflügen in die üppige und reizvolle Umgebung und an die zauberhaften Strände (teils
mit weißsandiger Dünenlandschaft) der Hauptstadt. Einen besonderen Akzent setzte jedoch der Besuch einer kirchlich finanzierten Kindertagesstätte am Rande eines Armutsviertels von Florianopolis. Hier absolviert
Tabea Zapf, eine Abiturientin aus Schwaig, ein freiwilliges Jahr, um mitzuhelfen, den vernachlässigten Favela-Kindern kreative Tätigkeiten und Spiele, Zuneigung oder schlichtweg auch einmal ein vernünftiges
Essen anzubieten. Bei ihrer Reise durch die Südstaaten registrierten die Franken überhaupt, daß Geld und Besitz in Brasilien äußerst ungleich verteilt sind und zum Teil gravierende, soziale Missstände herrschen.
Die Armut haust sozusagen auf der anderen Straßenseite des Reichtums. Und sie haust in Massen – in einem Meer von Bretterbuden. (Horst Mayer)
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